Landwende im Anthropozän

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) hat Anfang November 2020 sein neues Gutachten „Landwende im Anthropozän: Von der Konkurrenz zur Integration“ an die Bundesministerinnen Anja Karliczek (Bildung und Forschung) und Svenja Schulze (Umwelt) übergeben. Die endgültige Fassung wird 2021 erscheinen.

Den Anlass des Gutachtens bilden die aktuellen beunruhigenden Entwicklungen: Die weltweiten Landökosysteme befinden sich in einer Krise. Die Bilanz der internationalen Nachhaltigkeitspolitik Anfang der 2020er Jahre fällt ernüchternd aus. Die Ziele des Pariser Klimaabkommens scheinen nur noch mit erhöhtem Risiko erreichbar zu sein. Das globale Ernährungssystem ist in einer Krise. Für ein Viertel der Weltbevölkerung ist die Ernährungssicherheit gefährdet, ein weiteres Viertel leidet an gesundheitsschädlichem Überkonsum. Die externen Effekte der industriellen Landwirtschaft bedrohen die natürlichen Lebensgrundlagen und haben Anteil an dem Verlust der Biodiversität. Während sich die multilaterale Zusammenarbeit in einer tiefgreifenden Krise befindet, wird die Lage zusätzlich durch die Covid-19-Pandemie erschwert. Die Verknappung des Gemeinguts Land und die Gemengelage der nicht länger tragbaren Konflikte um terrestrische Ökosysteme erfordern einen dringenden Handlungsbedarf.

Hieraus resultiert die zentrale Botschaft der Landwende, dass nur mit grundlegender Änderung unseres Umgangs mit Land der Klimaschutz gelingen, der Verlust der biologischen Vielfalt abgewendet und das globale Ernährungssystem nachhaltig gestaltet werden kann.

Die WGBU empfiehlt für einen nachhaltigen Umgang mit Land fünf Mehrgewinnstrategien zur Konkurrenzüberwindung von Nutzungsansprüchen, die die Themenfelder Renaturierung, Ökosystemschutz, Landwirtschaft, Ernährung und Bioökonomie betreffen:

1.Massiver Ausbau der Renaturierung von Landökosystemen.

Im Rahmen der Bonn Challenge, einer Initiative Deutschlands und der Weltnaturschutzunion zur Wiederherstellung von Wäldern und waldreichen Landschaften weltweit, sollte das gesteckte Ziel der Renaturierung von 350 Mio. Hektar degradierter Landfläche bis 2030 nicht nur erreicht, sondern deutlich erweitert werden. Die Wiederherstellung biodiverser und standortgerechter Wälder, Feuchtgebiete und Graslandschaften stehen, schafft gleichzeitig einen Mehrgewinn durch die Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre. Die notwendige massive Reduktion von CO2-Emissionen muss unabhängig hiervon ebenfalls weiterverfolgt werden. 

2.Ausweitung und Aufwertung von effektiven, vernetzten Schutzgebietssysteme.

Die terrestrischen Schutzgebietssysteme sollten auf 30% der Erdoberfläche ausgeweitet werden, unter konsequenter Anwendung international vereinbarter Qualitätskriterien. Hierdurch soll die globale Biodiversitätskrise entschärft werden. Ebenfalls trägt es im Sinne eines Mehrgewinns zum Klimaschutz bei und erhält langfristige Potenziale für die Ernährungssicherung. 

3.Förderung einer auf Vielfalt beruhenden Landwirtschaft.

Für die EU-Agrarpolitik empfiehlt der WBGU eine Abkehr von der industriellen Landwirtschaft durch ihre umfassende Ökologisierung. Damit werden gleichzeitig Ernährungssicherung, Klimaschutz und Erhaltung der Biodiversität gefördert. 

4.Transformation der Ernährungsstile in den Industrieländern.

Der Druck auf die Landökosysteme soll insbesondere durch die Verringerung des Anteils an Tierprodukten entschärft werden. Eine Orientierung an der „Planetary Health Diet“ sollte als Grundsatz in Ernährungsleitlinien verankert und auch seitens der Bundesregierung empfohlen werden. 

5.Bauen mit Holz

Durch das Bauen mit Holz werden effektive Möglichkeiten geschaffen langfristig Kohlenstoff zu speichern. Es muss sichergestellt werden, dass das Holz aus standortgerechter, nachhaltiger Waldwirtschaft stammt, die weder Biodiversität noch Ernährungssicherung gefährdet. Dazu sollte mit internationalen Partnern eine weltweite „Mission nachhaltiges Bauen“ initiiert und mit der EU-Initiative für ein „neues europäisches Bauhaus“ verknüpft werden.

Zur Umsetzung der globalen Landwende sollen die fünf entwickelten Mehrgewinnstrategien durch die nachfolgende fünf Governance-Strategien vorangetrieben werden:

1.Unterstützung von Pionieren*innen des Wandels zur Erprobung von neuen landbasierten Schutz- und Nutzungspraktiken 

2.Gestaltung von staatlichen Rahmenbedingungen für den solidarischen Umgang mit Land

3.Erprobung der Landwende in der Europäischen Union 

4.Verbesserung der internationalen Zusammenarbeit beim Umgang mit Land und Einberufung eines „Global Land Summit“ als gemeinsame Vertragsstaatenkonferenz der UN-Konventionen zu Klima, Biodiversität und Desertifikation

5.Errichtung von Kooperationsgemeinschaften durch gleichgesinnte Staaten und/oder subnationale Regionen

Mehr Informationen und das vollständige Gutachten gibt es unter:

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